Ein Dreivierteljahr nach Expeditionsende hat es die MOSAIC-Mission diesen Monat wieder in die Hauptnachrichtensendungen der deutschen Fernsehsender und in die Schlagzeilen geschafft. Anlass war eine Pressekonferenz, auf der die deutsche Bundesforschungsministerin Anja Karliczek und Expeditionsleiter Markus Rex ein erstes Zwischenfazit der Ergebnisse zogen. „Nie zuvor konnten so viele Daten über die klimatische Lage in der Arktis gesammelt werden“, sagte Karliczek. Diese Daten werden derzeit weltweit von mehreren Hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in etwa 300 einzelnen wissenschaftlichen Aktivitäten analysiert. Die Fachwelt rechnet mit einigen Hundert wissenschaftlichen Veröffentlichungen bis 2023.

„Wir haben gesehen, wie es um das Eis der Arktis steht. Erst die Auswertungen der nächsten Jahre wird zeigen, ob wir das ganzjährige arktische Meereis durch konsequenten Klimaschutz noch retten können, oder ob wir diesen wichtigen Kipppunkt im Klimasystem bereits überschritten haben“, so Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.

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Wer den Ablauf der einjährigen Expedition, bei der der Forschungseisbrecher „Polarstern“ eingefroren in das arktische Meereis durch die Arktis driftete, nachvollziehen will, kann in das PolarNEWS Magazin 29 schauen. Oder gleich das Buch „Eingefroren am Nordpol“ zur Hand nehmen. Darin schildert Markus Rex seine Eindrücke und Erlebnisse während der Expedition, an der Menschen aus 37 Nationen teilnahmen – beginnend vom Tag 1, dem 20.9.2019, bis zu Tag 367. Er berichtet über die schwierige Suche nach einer stabilen Scholle, die geeignet ist, bei ihrer Drift durch die Arktis die „Polarstern“ als Mitreisende aufzunehmen und das Forschungscamp zu tragen. Dieses Camp, von dem aus die Forschenden Atmosphäre, Meereis, Ozean und Ökosystems mit unzähligen Messinstrumenten erkundeten, wurde im Laufe der Expedition immer wieder von Stürmen bedroht, die unter anderem zur Bildung von Rissen im Eis und zu Presseisrücken führten. So mussten die verschiedenen Stationen des Camps mehrfach instandgesetzt oder verlegt und neu errichtet werden.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko ging von den Eisbären aus, die sich dem Camp neugierig näherten. Recht ausführlich erzählt Rex von den Begegnungen mit diesen Raubtieren und von den Massnahmen, die zur Sicherheit der Forschenden ergriffen wurden.

Kurz vor dem Scheitern

Doch die grösste Gefahr für die Expedition war unsichtbar und unerwartet: Es waren die Covid-19-Viren. Denn sie brachten die Logistik der Mission vollkommen durcheinander: Forscher- und Logistik-Teams konnten nicht mehr wie vorgesehen ausgetauscht werden, Versorgungsflüge mussten ganz entfallen, eingeplante Versorgungsschiffe standen nicht mehr zur Verfügung, Häfen und Grenzen wurden geschlossen. Rex erlebte diese Zeit in der Heimat und arbeitete von dort aus mit daran, die Expedition zu retten. Die Logistiker vor allem des AWI entwickelten Alternativpläne und setzten einen davon schliesslich um: Die Polarstern musste die Scholle für rund drei Wochen verlassen, um auf dem Meer ein neues Expeditionsteam und Versorgungsmaterialen von den beiden Forschungsschiffen „Maria S. Merian“ und „Sonne“ zu übernehmen.

Für alle, die sich für Forschungsexpeditionen und Polargebiete interessieren, ist „Eingefroren im Nordpol“ nahezu ein Muss. Allerdings hätte man gerne von manchen Expeditionsteilnehmern mehr erfahren, deren Schicksal Markus Rex nur andeutet: Was beispielsweise waren die Gründe, warum einige Teilnehmer nicht die Corona-bedingte Verlängerung ihres Aufenthaltes im Eis mitmachen konnten und dann in eine äusserst aufwendigen Luftoperation ausgeflogen werden mussten? Zudem leidet das Buch etwas darunter, dass Rex – ganz der korrekte Expeditionsleiter – alle Mitstreiter und alle Unterstützer der Mission stets überschwänglich lobt; Konflikte, die es sicher auch gegeben hat, bleiben bei ihm völlig aussen vor.

Markus Rex
EINGEFROREN AM NORDPOL
C. Bertelsmann, München, 2020
320 S., € 28,00
ISBN: 978-3-57010414-9